Die letzte Wickelung

Im Rabennest hat sich ein herrliches Ritual entwickelt: die letzte Wickelung. Die – natürlich- direkt vor dem letzten Abendmahl stattfindet. Klar, oder?! Bei der letzten Auswurfentleerung des Tages hat sich eingebürgert, dass der frisch von der Arbeit heimgekehrte Rabenpapa sich der nachwüchslichen Hinterlassenschaften annimmt. Und selbstverständlich wird das die aufregendste Wickelage des Tages. Der Bapa mag ja auch noch ein bisi Spaß mit der Schnabelprinzessin haben. Und jeden Abend sitzt die Rabenmama bereits im Stillsessel daneben und schaut sich verliebt den Zirkus an, der auf der Wickelkommode aufgeführt wird. Das Kind quietscht und jauchzt vor Freude, der Rabenvater mit und die Rabenmutter wundert sich, wie dem Stammesoberhaupt nur so viel Schabernack zur Babyunterhaltung einfällt. Und manchmal wird es auch ganz still und etwas wehmütig in der Rabenmama, denn dann tun sich Fragen auf: Bin ich gut genug als Mutter für dieses kleine Zauberwesen? Wieso kann ich nicht so ein Bespaßungsfeuerwerk herbeizaubern? Oder ist das vielleicht einfach unsere Rollenverteilung und völlig okay so? Langweile ich die kleine Kröte tagsüber? Was kann, sollte oder muss ich sogar besser machen, um gut genug zu sein für dieses Menschlein? Fühlt sie, dass ich alles für sie tun würde? Und ist das überhaupt genug, mein “alles”? Melancholie ist ein Arschloch, denn sie öffnet den Selbstzweifeln die – gelegentlich im Mutterherz ohnehin schon schlecht befestigten – Tore. Aber sie macht auch demütig, lässt einen wertschätzen, was man hat und das macht einen dann auch wieder irgendwie glücklich. Verrückte Welt! 

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